Dr. Faustus Lights the Lights (ETA Hoffmann Theater Bamberg)

Dr Faustus lights the lights.jpg
Copyright: Martin Kaufhold

|Soul for Sale|

von Marlene Hartmann und Lisa Strauß

»Wie will ich ohne Seele sündigen?« scheint eine berechtigte Frage vor dem Hintergrund des Faust-Stoffs zu sein. Neu beleuchtet wird dies in Dr. Faustus lights the lights. Die Inszenierung von Remsi Al Khalisi feierte am 17. Juni im Studio des ETA Hoffmann Theaters Premiere.

Es war skurril. Es ist skurril. Es wird skurril – das steht bereits nach den ersten Sekunden fest. Ein Chor der Repetition formt Musik mit Worten. Inmitten erleuchteter kubischer Kulisse wird eine Fliegenjagd zum rhythmisch-dynamischen Dialog zwischen dem Teufel (Katharina Brenner) und Dr. Faustus (Stefan Hartmann), der seine Seele für das elektrische Licht verkaufte: »Was sah ich dich, elender Teufel, und bin übers Ohr gehaut, weil, ich hab‘ dir vertraut.« Latent präsent, wie die ihn ständig begleitende, nervtötend umhersummende Fliege, schleicht Mephisto durch die Szenerie. Dennoch scheint er in den Hintergrund gerückt – zwischen dadaistisch vorgetragenen Existenzfragen ist kein Platz mehr für den lügend betrügenden Teufel. »Ich bin der Teufel und ihr hört mir nicht zu!«

Vielleicht verschwindet er auch im Gewimmel aus Musik und Poesie, aus Klang und Disharmonie, aus experimentaler Sprache, untermalt von schrill-schrägen Tönen – überhaupt ein sehr bezeichnendes Element der Inszenierung: Die Handlung verschwimmt, wird nur noch konturenlos in ein Nest aus Performance, Lyrik und weißem Rauschen gebettet, bis sie gar nicht mehr erkennbar ist. Was an Handlung fehlt, ist an Wiederholung im Übermaß vorhanden. Da sind Hund und Bub (Marie Nest und Alexander Tröger) »und der Hund sagt Dankschön«, »Wer bin ich bin ich ich?« fragt Dr. Faustus und will am liebsten allein sein – mit sich und seinem Licht. Doch dann erscheint eine Frau (Pina Kühr), die sagt: »Ich bin ich und ich bin Marguerite Ida und Helena Annabel«, aus dem Höllenfeuer – oder ist es der Baum der Erkenntnis? Und dahin ist die Ruhe des Dr. Faustus. Von einem Natternbiss getrieben gelangt sie hilfesuchend zu ihm. Sie isst von der Frucht der Erkenntnis, will geheilt werden, bringt Licht ins Dunkel und knipst es wieder aus. So ist sie neben Dr. Faustus die einzige, die die Macht über das elektrische Licht hat.

Dynamik, Atemlosigkeit: nicht nur in den Monologen, sondern auch in der Interaktion mit dem Bühnenbild herrscht wildes Treiben. Da wird modifiziert, herumgeklettert und mit bedeutungsreichen Requisiten gespielt. Neben einem Schild mit der Aufschrift »hell« steht ein Totenkopf, liegt ein Radio, aus dem nur weißes Rauschen tönt.

Sang- und klangvoll kommt das Stück in bunt schillerndem Look daher, was perfekt untermalt wird von Kostüm und Maske (Lena Kalt). Wie Schausteller in der Manege turnen die Schauspieler auf der Bühne herum. Ursprünglich von Gertrude Stein als Libretto für die Oper konzipiert, fußt das Stück sowohl auf Steins unverwechselbarer Wortakrobatik als auch auf der von Iris ter Schiphorst komponierten Musik und fügt beides zu einem extraordinären Gesamtkunstwerk zusammen.

Dass die namensgebende Lichtmetaphorik nicht ausgeschöpft wurde, die doch so viele Inszenierungsmöglichkeiten mit sich bringt, ist der einzige Wehrmutstropfen.

Dr. Faustus lights the lights macht Spaß, ist der Inbegriff des Theaters der Moderne und verwirrt auf höchstem Niveau. Durch das überzeugend exaltierte Gebaren der Darsteller ist es dem Zuschauer unmöglich, sich dem bunten Wirbel auf der Bühne zu entziehen.


Dr. Faustus Lights the Lights
Remsi Al Khalisi
ETA Hoffmann Theater Bamberg
Weitere Vorstellungen: 18. | 19. | 21. | 22. | 23. | 24. | 25. | 26. und 30. Juni sowie 1. | 15. und 16. Juli.
Am 19. | 21. | 22. | 23. und 30. Juni sowie am 1. Juli mit Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Beginn.

Dr. Faustus Lights the Lights (ETA Hoffmann Theater Bamberg)

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