»Das Interview« ETA Hoffmann Theater Bamberg

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© Martin Kaufhold

|Alles Lügen?|

von Lisa Strauß

Was finden Männer attraktiv und was zieht Frauen an? Geht es wirklich um die inneren Werte? Wodurch wird die Persönlichkeit eines Menschen beeinflusst, welche Rolle spielen Äußerlichkeiten dabei und welche Rolle spielt man sich selbst und anderen vor? Das Interview, ein niederländisches Filmdrama von Theodor Holman und Theo van Gogh, setzt sich mit all dem auseinander. Das ETA Hoffmann Theater bringt das Stück gerade in einer eindrucksvollen Inszenierung von Blanka Rádóczy auf die Bühne.

Die Handlung ist so einfach wie wirkungsvoll: Pierre Peters ist Politikjournalist und ehemaliger Kriegsberichterstatter. Anstatt über den geplanten Rücktritt der niederländischen Regierung berichten zu dürfen, wird er dazu verdonnert, eine Schauspielerin in ihrem Zuhause zu interviewen. Der Filmstar Katja Schuurmann überzeugt die Presse vor allem mit äußerlichen Argumenten.

Unterschiedlicher könnten sie nicht sein: Pierre reduziert Katja auf »die schönsten Titten der Welt«, Katja ist das arrogante Gehabe des Journalisten zuwider, der sich nicht auf das Gespräch vorbereitet hat und sich in Plattitüden ergeht. Die beiden schenken sich nichts, liebgewonnene Klischees werden gnadenlos ausgeschlachtet. Pina Kühr und Volker Ringe gelingt es fabelhaft, diesen Geschlechterkampf auf der Bühne auszutragen. Kulisse des Schauspiels ist das Wohnzimmer des Filmsternchens – eine Couchgarnitur, eine Kommode, ein Bücherregal. Während des Interviews spielen beide ihre gewohnte Rolle, die sie sichtlich geprägt hat: Katja spielt die Verführerin, kokettiert mit ihren Reizen und schluchzt theatralisch in die Kamera. Pierre macht auf unnahbar und versteckt sich hinter seinen Erlebnissen als Kriegsberichterstatter, die nicht nur körperliche Spuren hinterlassen haben. Er unterstellt: »Dein ganzes Leben ist ein beschissenes Schauspiel« und sie fragt: »Was hat der Journalismus deiner Persönlichkeit angetan?« Irgendwie haben sie beide recht. Würde man die Sätze vertauschen, träfen sie auf den jeweils anderen ebenfalls zu. Das passiert so auch im Stück: das Interview wird vom Aufnahmegerät abgespielt – Rollentausch: Katja bewegt ihre Lippen zu Pierres Text und Pierre mimt Katjas Part.

Das Interview wird regelmäßig unterbrochen, dann läuft das Geschehen in Zeitlupe ab, das eben Gesprochene wird wiederholt und alles steht kurz, in blaues Licht getaucht, still. Katja und Pierre scheinen dann wie in einem Schaufenster ausgestellt. Das Ganze erinnert an die ›Mannequin-Challenge‹. Genau wie die Menschen dabei in dem, was sie gerade tun, verharren müssen, sind Katja und Pierre ›festgefahren‹, in ihrer einstudierten Rolle, die ihnen von der Gesellschaft auf den Leib geschrieben und dann perfektioniert wurde.

Die Schauspielerin erfüllt das Bild von »Luft, Sägemehl und Silikon«, das die Medien von ihr haben, das Showbiz hat sie zynisch werden lassen. Als ihr zwischen Interview und Telefonterror alles zu viel wird, wirft sie ihren Pelzmantel über, dreht die Stereoanlage auf, zieht eine Line und tanzt wild auf dem Couchtisch. Der Journalist bezeichnet ihr Verhalten als exaltiert, tut es, verglichen mit Kriegsschauplätzen und politisch relevanten Ereignissen, als völlig deplatziert ab. Er ist überzeugt davon, dass Katja nicht mal in Ansätzen sein durchlebtes Leid nachzuvollziehen vermag.

Aus dem Austausch von Bosheiten und über die Faszination, die von Netzstrumpfhosen ausgeht, entsteht ein Gespräch, das irgendwann in einen Kuss taumelt und sich letztendlich wieder in Bosheiten auflöst. Die anfängliche Aversion entwickelt sich zu einer Anziehung, denn »Narbe kennt Narbe«, so, zumindest in der Theorie. Das Interview dagegen endet nicht mit dem Erkennen des Seelenverwandten, Gegensätze ziehen sich hier zwar an, aber das war’s dann auch schon. Pierre Peters schnüffelt in Katjas Privatsphäre und wittert die ganz große Story, während die Schauspielerin ihre Berufserfahrung dazu nutzt, Pierre ein vernichtendes Geheimnis zu entlocken. Damit haben sie sich gegenseitig in der Hand.

Volker Ringe und Pina Kühr verkörpern die zwei ›Pokerspieler‹ Pierre Peters und Katja Schuurman in Vollendung. Gebannt schaut man ihnen zu, hat zeitweise den Eindruck, sie gewähren dem Gegner einen kurzen Blick in ihre Karten, aber stattdessen ertönt ABBA:

»Nothing more to say
No more ace to play
The winner takes it all
The loser’s standing small«


Theodor Holman/ Theo van Goghs Das Interview
Blanka Rádóczy
ETA Hoffmann Theater Bamberg
Weitere Vorstellungen: 7. | 9. | 16. und 17. Dezember, jeweils um 20 Uhr
Im Studio des ETA Hoffmann Theater Bamberg

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